Keine Zeit zum Zuhören in der Ordination

Ein brisantes Thema, über das in Österreich kaum geforscht und auch kaum gesprochen wird: Gesundheitsfaktor Zuhören.
Deutsche Zahlen dazu sind alarmierend.

Kommen wir gleich zur Sache: In Deutschland hört der Arzt bei der Erstkonsultation, so ergab eine Untersuchung, durchschnittlich 103 Sekunden zu. Das klingt ziemlich bescheiden, ist aber immerhin noch deutlich mehr als in den USA. Dort sind es gar nur 18 Sekunden.

Dabei ist das Zuhören, wie viele internationale Studien bestätigen, ein ganz entscheidender Gesundheitsfaktor. So belegte etwa eine Untersuchung an 3.600 Patienten in Großbritannien, dass freundliche und Angst nehmende Zuwendung eindeutig den Krankheitsverlauf verkürzen kann. Bei mindestens einem Drittel der Patienten eines praktischen Arztes kann man – sind sich Experten einig – nur durch das Gespräch, also auch durch Zuhören, zur richtigen Diagnose kommen. Nämlich bei jenen, die wegen psychischer und psychosomatischer Störungen Hilfe suchen. Und schließlich ist auch bekannt, dass Kommunikationspannen in den Ordinationen die häufigste Ursache von Therapiefehlern sind.

Es ist also allerhöchste Zeit für mehr Zuhören in der Ordination. Das sehen mittlerweile auch viele namhafte Mediziner so. Einer davon ist Prof. Dr. Füeßl, Schriftleiter des Fachmediums „MMW-Fortschritte der Medizin“. Füeßl: „Es scheint an der Zeit, dass die Ärzte wieder
den Primat bei der Beratung zurückgewinnen, den sie mit Überbetonung von Technik und Wissenschaft sowie durch überbordende Bürokratie an viele alternative Mitspieler im Gesundheitsbetrieb verloren haben.“

„MMW-Fortschritte der Medizin“ veranstaltete gemeinsam mit der „Stiftung Zuhören“ in Deutschland, dem Bayerischen Rundfunk und der Robert-Bosch-Stiftung ein Werkstattgespräch zum Zuhör- und Kommunikationsverhalten von Ärzten. Als Grundlage diente eine Pilotstudie, bei der 171 Ärzte befragt worden sind. Einige Hinweise daraus: Das Gespräch wird nach allgemeiner Meinung zu wenig beachtet und zu gering honoriert. Das Thema Kommunikation sollte im Medizinstudium wesentlich größeren Stellenwert bekommen. Und Zeitdruck ist das größte Hindernis am Weg zum Zuhören.

Die „ARGE Zuhören“ in Österreich will sich schon demnächst auch dieses brisanten Themas annehmen.

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